Qualifizierung im DOSB: Trainer/in Leistungssport zwischen Anspruch und Wirklichkeit (QuaTro): Ausgangspunkt, Fragestellungen, Erfassung, Auswertung und Ergebnisse

Ausgangspunkt: Rahmenrichtlinien des DOSB im Deutschen Qualifikationsrahmen

Im Rahmen der DQR-Expertisen wurden die Rahmenrichtlinien für Qualifizierung des DOSB (DSB, 2005) sowie Ausbildungsrahmen der Trainerakademie des DOSB (Curriculum [Trainer-akademie, 2004], Kompetenz-Portfolio [Trainerakademie, 2012]) in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeordnet.
Der Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (AK DQR, 2011) ist ein bildungspolitisch initiiertes Instrument, mit dem formale und non-formale Qualifizierungen im deutschen Bildungssystem eingeordnet und verglichen werden können. Der DQR orientiert sich am Kompetenzansatz der beruflichen Bildung und konzipiert Handlungskompetenz mit den Kategorien „Fachkompetenz, unterteilt in Wissen und Fertigkeiten, und Personale Kompetenz, unterteilt in Sozialkompetenz und Selbständigkeit“ (ebd., S. 9). Für diese Kompetenzkategorien liegen je acht Niveaustufen vor, auf denen Ziel- und Kompetenzformulierungen der jeweiligen Qualifikationen eingestuft werden. Während auf Stufe 1 bspw. berufsvorbereitende Qualifikationsmaßnamen verortet werden, entsprechen die Stufen 6 bis 8 den Hochschulabschlüssen Bachelor, Master und Promotion (AK DQR, 2011). Die Expertisen zur Einordung der DOSB Ausbildungsrahmen zeigen folgende zentrale Ergebnisse:
• Die Ausbildungsrahmen des DOSB (RRL, Curricula der Trainerakademie) sind explizit kompetenzorientiert konzipiert und damit anschlussfähig an den DQR sowie an Kompetenzdiskussionen der beruflichen Bildung.
• Das gestufte Lizenzsystem der RRL (1. bis 4. Lizenzstufe) drückt sich auch in den zunehmenden Niveaustufen des DQR aus. Die in den RRL formulierten Kompetenzen der Qualifizierungen zum ‚Trainer sportartspezifischer Leistungssport (A/B/C)‘ liegen auf den DQR-Niveaustufen 4 (C-Lizenz, MW 4,25), 5 (B- & A-Lizenz, MW 4,75 & 5,25) bzw. 6 (Diplom-Trainer; MW: 6,0).
• Ausbildungsziele zu personalen Kompetenzen (Sozialkompetenz, Selbstständigkeit) liegen unabhängig von der Lizenz auf den hohen Niveaustufen 5 bzw. 6 und werden damit in fast allen Qualifizierungen höher eingestuft als Ziele zur Fachkompetenz (Wissen, Fertigkeiten).

Der nächste Schritt im Zuge der Qualitätsicherung und -entwicklung liegt in der Überprüfung der Umsetzung der RRL in seinen Mitgliedsverbänden.
QuaTro: Fragestellungen
Orientiert am Differenzanalytischen Ansatz (Balz & Neumann, 2007; 2014) werden vier übergreifende Schritte bzw. Fragestellungen verfolgt:
F1 Differenzen bestimmen: Bestehen Differenzen zwischen den Ansprüchen der Ausbildungsrahmen (RRL, Curricula der Trainerakademie) und den Ansprüchen der jeweiligen Ausbildungskonzeptionen (A-/B-/C-/Diplom-Trainer Leistungssport) von vier  Spitzenverbänden?
F2 Differenzen bestimmen: Bestehen Differenzen zwischen den Ansprüchen der Ausbildungskonzeptionen und der Ausbildungswirklichkeit der beteiligten Spitzenverbände?
F3 Differenzen verstehen: Wie lassen sich potenzielle Differenzen (F1; F2) aus Sicht der Ausbilder und der Ausbildungsverantwortlichen verstehen?
F4 Differenzen bewerten und handhaben: Wie sind die vorliegenden Differenzen zwischen Ausbildungsrahmen, Ausbildungskonzeptionen und Ausbildungswirklichkeit zu bewerten und welche Handlungsempfehlungen leiten sich daraus ab?

Erfassung und Auswertung
Die Ansprüche werden über eine Dokumentenanalyse der vorliegenden Ausbildungskonzeptionen ‚Leistungssport‘ der beteiligten Spitzenverbände erfasst. Die Ausbildungswirklichkeit wird über Videobeobachtungen (3 Erhebungszeitpunkte [EZP]), Stimulated-Recall-Interviews (1 EZP) sowie Problemzentrierte Interviews (1 EZP) erfasst. Die Auswertungen (Dokumentenanalyse, Videobeobachtungen, Interviews) erfolgt mittels strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring, 2008). Dazu wurden u.a. die Instrumente der DQR-Expertise (Kategoriensystem, Kodierleitfaden) herangezogen und weiterentwickelt.
Stichprobe
N = 4 Spitzenverbände: Deutscher Hockeybund (DHB), Deutscher Skiverband (DSV), Deutscher Judobund (DJB), Deutscher Alpenverein (DAV) sowie die Trainerakademie Köln (ta). Zur Dokumentenanalyse haben die Verbände für alle Lizenzstufen ihre Ausbildungsdokumente zur Verfügung gestellt. Zur Wirklichkeitsanalyse wurden pro Verband 2 C-Lizenz-Lehrgänge, 2 B-Lizenz-Lehrgänge, 1 A-Lizenz-Lehrgang und ein Diplomtrainer-Lehrgang erfasst. Die Trainerakademie stellt jeweils zwei Ausbilder für die Ausbildungsabschnitte „Grundlagenausbildung“ und „Spezialisierung“ des Diplom-Trainerstudiums. Je nach Lehrgangsbesetzung wurden insgesamt N = 3 Lehr-Lerneinheiten beobachtet und N = 1 Ausbilder interviewt. Darüber hinaus wurde pro Verband plus Trainerakademie je ein Ausbildungsverantwortlicher interviewt (N = 5).
Der im Projektantrag ausgewiesene Arbeitsplan konnte in weiten Teilen realisiert werden (Stand 01/2017). Einzelne Meilensteine wurden den zeitlichen Rhythmen der Ausbildungswirklichkeit der Verbände angepasst.

Gegenwärtiger Arbeitsstand und Instrumente
F1 Differenzen bestimmen: RRL vs. Ausbildungskonzepte der Spitzenverbände; vollständig abgeschlossen
Kategoriensystem: Kategorien (auf Basis DQR-Expertise) weiterentwickelt und angepasst
Datenerhebung: N = 4 Ausbildungsdokumente Spitzenverbände
Datenauswertung: qualitative Inhaltsanalyse; Quantifizierung der Kompetenzen auf Niveaustufen
Differenzen bestimmen: Gegenüberstellung der Befunde zu Ausbildungsrahmen und Ausbildungskonzepten der Mitgliedsverbände
F2 Differenzen bestimmen: Ausbildungskonzepte vs. Ausbildungswirklichkeit (05/2015 bis 06/2017)
Kategoriensystem: liegt vor; induktive Weiterentwicklung am Material; Leitfäden für Videobeobachtung, für Stimulated-Recall- und Problemzentrierte Interviews (Ausbilder) liegen vor
Datenerhebung: 3 Videobeobachtungen pro Ausbildungsgang; 1 integriertes Stimulated-Recall-und Problemzentriertes Interview pro beobachtetem Ausbilder
• N = 70 Videodokumente liegen vor;
• N = 25 Problemzentrierte und Stimulated-Recall-Interviews liegen vor
Datenauswertung: Basisstruktur für Kodierleitfaden (Video und Interviews) liegt vor, Weiterentwicklung am Material; qualitative Inhaltsanalyse läuft; Abschluss bis 06/2017
F3 Differenzen verstehen: Deutung vorliegender Differenzen (F1 & F2) aus Sicht der Ausbilder und Ausbildungsverantwortlichen; Abschluss ca. 06/2017
Kategoriensystem: liegt vor; induktive Weiterentwicklung am Material; Interviewleitfaden (Ausbildungsverantwortliche) liegt vor
Datenerhebung: 1 Problemzentriertes Interview pro beobachtetem Ausbilder (s.o.), 1 Problem-zentriertes Interview pro 1 Ausbildungsverantwortlichen á Verband
• Ausbilder (s. o.)
• N = 0 Interviews mit Ausbildungsverantwortlichen liegen vor; 5 Interviews stehen aus
Datenauswertung: Basisstruktur für Kodierleitfaden (Interviews) liegt vor, Weiterentwicklung am Material; Abschluss bis 06/2017
F4 Differenzen bewerten und handhaben (06/2017 bis 12/2017)
Differenzen bewerten: Einordnung der Befunde zu F1 bis F3
• Vorstellung und Diskussion der Befunde mit Partnern der Spitzenverbände auf Projekttreffen; drei Treffen (3/2015, 11/2015, 2/2017) haben stattgefunden
• Einordnung vor dem Hintergrund der Ausbildungsrahmen des DOSB (RRL, Curricula Trainerakademie) sowie der Ausbildungskonzepte der Spitzenverbände; Abschlussbericht (12/2017)
• Einordnung in Kenntnisstand zu Kompetenzen in der Trainerbildung; Abschlussbericht (12/2017)
Differenzen handhaben: Handlungsempfehlungen für eine theoriefundierte und gelingende Praxis (Differenzen aushalten, verringern, vergrößern), Vorschlag konkreter Maßnahmen
Diskussion auf Transferworkshop (11/2017), Abschlussbericht (12/2017)

Befunde
Befunde: Differenzen bestimmen (F1): RRL vs. Ausbildungskonzepte der Spitzenverbände
• Die Ausbildungsdokumente der Spitzenverbände sind in weiten Teilen zumindest implizit kompetenzorientiert.
• Einzelne Ziele der RRL werden in den Ausbildungsdokumenten nicht aufgegriffen, bspw. im Bereich der Sozialkompetenz oder konkret zu Genderaspekten.
• Niveaustufen: Bei Spitzenverbänden zeigt sich im Gesamtwert (MW über alle 4 DQR-Kompetenzkategorien) eine ähnliche Progression wie in den RRL.
• MW der 4 Kompetenzkategorien (Niveaustufen) RRL vs. Spitzenverbände: 26x Übereinstimmung; 30x Unterschiede (MW weicht um > 0,5 ab).
• Die RRL weisen zumeist ein höheres Anspruchsniveau auf; 20 x liegen sie über MW der Spitzenverbände, 7 x darunter. Höher ist das Anspruchsniveau der RRL im Bereich Sozialkompetenz und der Selbstständigkeit.
Vorläufige Befunde Differenzen bestimmen (F2): Ausbildungskonzepte vs. -wirklichkeit
• Interviews zu Zielen: Zu personaler und sozial-kommunikativer Kompetenz werden häufiger und konkretere Ziele benannt (bspw. Reflexionsfähigkeit, Zielgruppenorientierung) als zu Methoden- und Vermittlungskompetenz sowie zu Fachkompetenz.
• Interviews zu Lehr-Lernsituationen: Vereinzelt wird von Kriterien kompetenzorientierter Lehre berichtet (bspw. Verzahnung Wissenserwerb und Wissensanwendung, Eigenaktivität der Lernenden); vereinzelt werden lehrendenzentrierte Lehr-Lernsituationen favorisiert.
• Videos: In ca. der Hälfte der beobachteten Einheiten sind Kriterien kompetenzorientierter Lehre explizit zu identifizieren, z. B. kognitive Aktivierung, Verzahnung von Wissenserwerbs und -anwendung, Eigenaktivität, Offenheit; In der anderen Hälfte sind Kriterien nicht oder wenig gelungen erkennbar; z. B. systematisches Reflektieren von Erfahrungen oder Wissen.

Literatur
Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen (AK DQR) (2011). Deutscher Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen. Berlin: BBJ Consult AG.

Balz, E. & Neumann, P. (2007). Schulsport im Saldo: Differenzen prüfen. sportunterricht 56 (11), 324-328.

Balz, E. & Neumann, P. (Hrsg.) (2014). Schulsport: Anspruch und Wirklichkeit. Deutungen, Differenzstudien, Denkanstöße. Aachen: Shaker.

Deutscher Sportbund (DSB) (2005). Rahmenrichtlinien für Qualifizierung im Bereich des Deutschen Sportbundes. Frankfurt: Deutscher Sportbund.

Mayring, P. (2008). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken: Weinheim und Basel. Beltz.